Regeln verhindern Lernen und Entscheidungsspielraum – aber heißt das, wir müssen im „luftleeren Raum“ alles immer wieder neu erarbeiten? Prinzipien bieten eine Alternative, wirksam zu arbeiten und lernen.
LASST EUCH SELBER DENKEN
Wenn wir in neuem Terrain navigieren, müssen wir ständig neue Entscheidungen treffen. Fehlentscheidungen sind vorprogrammiert und führen nicht selten zu Diskussionen; Mitarbeitende streiten sich, Aufgaben bleiben liegen. Ein Rattenschwanz. Das belastet nicht nur, sondern kostet auch Zeit und schürt Konflikte. “Dafür brauchen wir beim nächsten Mal eine eindeutige Regel, damit das nicht noch einmal passiert!“, heißt es dann.
In Wahrheit sind es aber genau diese Konflikte und Zeitaufwendungen, die nötig sind, damit wir daraus lernen können. Sie sind geradezu die perfekte Chance zum Lernen. Und zwar für so genanntes Organisationales Lernen: ein Prozess, durch den sich eine Organisation im Laufe der Zeit verbessert, indem sie Erfahrungen sammelt und aus diesen Erfahrungen Wissen schafft.
LERNEN BRAUCHT KOMMUNIKATION
Damit wir aus Situationen lernen, müssen wir im ersten Schritt kommunizieren. Und genau diese Kommunikation wird durch die Aufstellung von Regeln unterbunden. Eine Regel gibt die Entscheidung vor – egal ob diese zur Situation passt oder nicht. Regeln sind verführerisch, denn sie beenden unangenehme Diskussionen und lassen neue erst gar nicht entstehen. Sie teilen uns mit, was wir genau zu tun oder zu lassen haben. Und weil selbst gut durchdachte Regeln nicht jeden Fall abdecken können, gibt es immer wieder Situationen, die nicht geregelt sind. Daraufhin fügen wir gerne sofort eine neue, ergänzende Regel hinzu. Dies führt nicht nur zu einem enormen administrativen Aufwand, um zu kontrollieren, ob die Regeln eingehalten wurden; Regeln fördern außerdem normiertes Verhalten und verhindern selbständiges Denken. Sie nehmen uns sozusagen das Denken ab.
Deshalb sollten wir uns vor jeder Etablierung einer neuen Regel fragen: Weiß ich, wie die Situation ausgehen wird? Dann ist eine Regel sinnvoll. Weiß ich es nicht, trägt jede gut gemeinte Regel ein klein wenig zur Lernunfähigkeit der Organisation bei. Das Resultat ist weniger Flexibilität, weniger Verantwortungsübernahme und letztendlich weniger wirtschaftlicher Erfolg.
ROTE UND BLAUE PROBLEME
Problem ist nicht gleich Problem. Der Systemtheoretiker Dr. Wohland unterteilt Probleme in „kompliziert“ und „komplex“. Komplizierte Probleme haben laut Wohland die Farbe Blau. Sie sind gut verstanden und ihre Lösungen sind bereits bekannt. Diese „blauen“ Probleme können mit Regeln, Prozessen oder Plänen gelöst werden. „Rote“ Probleme hingegen sind komplexe, unklare und schwierig zu verstehende Probleme, deren Lösungen noch nicht bekannt sind. Diese Probleme erfordern eine kreativere und flexiblere Herangehensweise anstelle von Regeln. Sie erfordern Prinzipien.

GRUNDSÄTZE, AN DENEN SICH DAS HANDELN ORIENTIERT
Ein Prinzip ist ein Grundsatz als eine Art Grundlage für unser Handeln und Verhalten. Ein Prinzip verlangt Interpretation, um für sich daraus kluges Handeln und Entscheidungen je nach Situation oder Kontext abzuleiten. Prinzipien geben Orientierung und sind – anders als Regeln – auch bei Veränderungen und Überraschungen anwendbar. Prinzipien sind Leitlinien. Sie nehmen also die Entscheidung nicht vorweg, sondern geben den Handlungsrahmen vor, innerhalb dessen Mitarbeitende die bestmögliche Entscheidung nach eigenem Ermessen treffen können.
WANN REGEL, WANN PRINZIP
- Regeln sind sinnvoll, wenn wir bereits genügend Wissen besitzen, um ein Problem zu lösen. Sobald eine Überraschung auftritt, versagt die Regel.
- Prinzipien sind Grundsätze, an denen sich das Handeln orientiert und sorgen für Klarheit und Ordnung, ohne jeden Einzelfall zu regeln.
- Während Regeln Verantwortung entziehen, zwingen Prinzipien zur Verantwortungsübernahme.
- Sobald Regeln bestehen, führen Fehler zu Frust. Bestehen keine Regeln, können wir aus unseren Fehlern lernen.