Über drei Phasen des Glücks, die bis ins Unternehmen wirken
Mit Mitte zwanzig ist Glück einfach. Es riecht nach Aufbruch. Nach dem ersten eigenen Gehalt, nach Plänen, die sich noch nicht bewähren müssen. Das Leben liegt vor einem – groß, offen, abenteuerlich.
Dann kommt „das Leben“ dazwischen.
Und damit jede Menge Verantwortung: Karriere, Kinder, Arbeit, Eltern, die langsam älter werden, erste Rückenschmerzen, volle Kalender. Die Jahre zwischen vierzig und fünfzig sind das, was Glücksforscher nüchtern die „Talsohle“ nennen. Nicht Unglück. Aber auch nicht das, was man als Kind unter Glück verstanden hat.

Was die Glücksforschung sagt
Ein Geschäftsführer, Mitte vierzig, sitzt nach einem langen Strategietag noch im Büro. Er hat heute drei wichtige Entscheidungen getroffen, zwei Konflikte moderiert, seinem Team eine schwierige Nachricht kommuniziert. Auf dem Heimweg denkt er: Ich müsste eigentlich zufrieden sein. Bin ich aber nicht. Was er nicht weiß: Das ist kein Versagen, sondern Biologie.
Glück ist trainierbar, sagt Professor Esch. Nicht im Sinne von Optimierung. Sondern im Sinne von Perspektive. Jede Phase hat ihren Charme und ihren Preis. Was das konkret bedeutet? Wer weiß, in welcher Phase des Glücks er gerade steckt, hat bereits eine Chance zu erkennen, was gerade Glück ist. Wer versteht, in welcher Phase er ist, kann aufhören, gegen sie zu arbeiten. Und anfangen, mit ihr zu leben, zu arbeiten, zu führen.
Das Glück der Jugend
Vorfreude, Risikobereitschaft, Aufbruch. Das Gehirn schüttet Dopamin aus, wenn etwas Neues winkt. Diese Phase hat eine unverwechselbare Energie: ein Gefühl von Möglichkeit, das sich im späteren Leben nicht mehr ganz so einstellt. Man probiert aus, scheitert leichter, beginnt einfach neu.
Was dabei auf der Strecke bleibt: Tiefe. Das Glück der Jugend ist intensiv, aber flüchtig. Es braucht immer den nächsten Kick, die nächste Überraschung. Wer nur in dieser Phase verharrt, emotional oder biografisch, dem fehlt irgendwann der Boden unter den Füßen. Denn Glück aus Vorfreude allein trägt kein Leben.
Das Glück der Mitte ist das Glück des Wirkens
Hier liegt das Missverständnis. Die mittlere Lebensphase gilt als Tal – und ja, die Zahlen der Glücksforschung bestätigen das. Aber was in diesem Tal entsteht, ist kein Mangel. Es ist etwas anderes: Substanz. Wer in dieser Phase steckt, trägt Verantwortung. Für Menschen und Projekte, für Entscheidungen mit echten Konsequenzen. Das ist anstrengend – und genau deshalb bedeutsam. Denn Bedeutung ist eine der stabilsten Quellen für Lebenszufriedenheit. Stabiler als Nervenkitzel und Freiheitsgefühle. Das Glück der Mitte ist das Glück des Wirkens. Es entsteht nicht im Moment, sondern im Rückblick: in dem Wissen, dass man etwas aufgebaut hat, das hält. Dass Menschen auf einen zählen. Dass man gebraucht wird – nicht als Funktion, sondern als Person.
Die Schattenseite ist real: Wer nur gibt, verliert sich. Wer nur verteidigt, was er hat, vergibt sich die Chance zu wachsen. Und wer die eigenen Bedürfnisse dauerhaft nach hinten stellt, merkt irgendwann, dass er nicht mehr weiß, was er selbst will. Die mittlere Phase fordert eine Kunst, die man lernen kann: für andere und sich selbst präsent zu bleiben. Hinzu kommt: Wer mittendrin steckt, führt häufig auch. Und die Art, wie man führt, verändert sich mit dem, was man selbst gerade erlebt. Wer unter Druck steht, neigt dazu, enger zu führen. Wer das eigene Wohlbefinden aus dem Blick verliert, verliert oft auch den Blick für das seiner Mitarbeitenden. Die mittlere Phase ist deshalb nicht nur eine persönliche Frage, sie ist eine Frage der Führungsleistung
Das Glück des Ankommens
Ab etwa sechzig steigt die Lebenszufriedenheit wieder, auch dann, wenn die Gesundheit nachlässt. Glück und körperliches Wohlbefinden entkoppeln sich. Was wächst, ist Dankbarkeit. Gelassenheit. Die Fähigkeit, das Hier und Jetzt tatsächlich zu bewohnen, statt es immer schon zu verlassen. Und nein, das ist keine Resignation. Es ist Reife. Die Fähigkeit, einen Moment nicht sofort mit dem nächsten zu vergleichen, ist ein Gewinn. Und doch: Diese Phase hat ihre eigenen Risiken. Gelassenheit kann in Gleichgültigkeit kippen. Rückzug kann Einsamkeit werden. Wer aufgehört hat, sich zu engagieren, findet manchmal, dass er auch aufgehört hat zu wachsen. Das Ankommen ist kein Ziel, das man abhakt, es ist ein Gefühl, das man zulässt.
Was das für uns bedeutet
In unserer Arbeit begegnen wir Menschen in allen drei Phasen. Die Neunundzwanzigjährige, die alles noch werden will. Der Dreiundvierzigjährige, der an seiner Verantwortung schwer trägt. Der Einundfünfzigjährige, der merkt, dass „mehr“ ihn nicht glücklicher macht. Die Sechzigjährige, die zum ersten Mal seit Jahren aufatmet und anfängt, das zu schätzen, was war.
Es sind keine drei verschiedenen Menschen. Es ist eine Person, die sich in drei Lebensabschnitten entwickelt. Wir tun gut daran, diese persönlichen Veränderungen zu verstehen und zuzulassen
Prof. Tobias Esch, Neurowissenschaftler an der Universität Witten/Herdecke, hat fast zwei Jahrzehnte lang das Belohnungssystem des Gehirns erforscht. Sein Befund: Glück ist keine Konstante. Es verändert sich – biologisch, messbar, vorhersehbar. Und es gibt davon nicht eine, sondern drei Phasen.
Den Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Glück und der Wirksamkeit im Alltag schaffen wir im Seminar Selbstwirksamkeit. Reflexion, substanzielle Fragen zu Arbeit, Führung und Leben – und aktives Sparring für die nächsten konkreten Schritte. Die Termine finden Sie auf unserer Homepage. Wie schaffe ich das alles? – Schüller& – mehrWERT schöpfen für Mensch & Organisation